Gruppe'93 im Roentgenmuseum Neuwied

JAHRESAUSSTELLUNG 2020


 

DER BAUM


Einladung zur Sommerausstellung der Gruppe 93
11.07.2020 - 06.09.2020

Künstler/innen:
Norbert Bleidt, Ulrich Christian, Marianne Dick, Helga Gans-Eichler, Lilo Jaschik, Sigrid Langert,
Sybille Lenz, Marie Schäfer, Franz K. von Stockert, Ursula Voigt-Pfeil, Uta Weiler, Lois Michele Wetzel, Gerhard Wienss, Frieda Wionzek

Gastaussteller:
Dr. Karl-Heinz Schlolaut, Daniela Schneider, Ulla Windheuser-Schwarz

Begleitung:
Jeweils sonntags sind Künstler vor Ort



Di.-Fr. 11-17 Uhr,
Sa. & So. 14-17 Uhr
Samstags freier Eintritt


Raiffeisenplatz 1a, 56564 Neuwied
Tel.: 02631-803 379
roentgen-museum-neuwied.de

DER BAUM


Rede von Ulrich Christian zur Ausstellungseröffnung im Roentgen Museum Neuwied:
Juli – Sept. 2020

Im Folgenden werde ich jeweils kurz den Baum aus unterschiedlichen Aspekten betrachten.

Biologisch-geografische Aspekte
Der Baum ist ein ausdauerndes Holzgewächs mit ausgeprägtem Stamm und großem Längenwachstum und meist einer Kronenbildung. Es gibt laubabwerfende und immergrüne Bäume. Der Baum ist die überlegenste Lebensform in der Pflanzenwelt, er bildet in den meisten Gebieten der Erde unter normalen Bedingungen die beherrschenste, natürlichste Vegetationsform. Seine Ausbreitung wird lediglich durch Trockenheit und andauernde Kälte eingeschränkt. In der Erdgeschichte tritt der Baum erstmals in der Zeit des Karbons auf, es entstanden die „Steinkohlewälder“ vor ca. 300 bis 350 Millionen Jahren. Als heute höchstes Lebensalter für einen Baum sind 4600 Jahre bei einer Kiefer in Kalifornien nachgewiesen. Die herausragendsten Ausmaße einiger Bäume sind bei einem Riesenmammutbaum 135 m Höhe und 12 m Stammumfang. Eine Tanne kann ca. 75 m hoch werden und ca. 3 m Umfang haben. Eiche, Buche und Linde können 40 bis 50 m hoch werden, die Stammumfänge liegen bei 2 bis 7 m, bei einer Linde wurden einmal 9 m gemessen.

Wie viel Wald bzw. Bäume gibt es in Deutschland?
Deutschland besteht zu 33 Prozent aus Wald – das sind 11,4 Millionen Hektar mit über 90 Milliarden Bäumen, die nicht nur im Wald stehen. Von den 76 Baumarten sind Fichte (25,4 %), Kiefer (22,3 %), Buche (15,4 %), Eiche (10,4 %) und Birke (4,5 %) die stärksten Vertreter. Bei solchen Zahlen ist man geneigt, den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen.


Historische Aspekte
Eine erste systematische Ordnung der Pflanzen stammt von dem griechischen Philosophen Theophrastos (371 – 287 v. Chr.) Bei ihm stehen die Bäume an oberster Stelle als die am besten ausgebildetsten Pflanzen. Aus römischer Zeit wird schon von der Kultivierung von Bäumen berichtet, dies setzte sich in unserer mittelalterlichen Zeit fort. Karl der Große entwickelte eine Landgüterordnung mit einem Kapitel zur Baumkultur und in der Landfriedensordnung von 1187 wurden Baumfrevlern Strafen angedroht.
Die Idee einer nachhaltigen Waldnutzung hat sich über Generationen hinweg entwickelt. Einer der frühesten erhaltenen schriftlichen Nachweise der Nachhaltigkeitsidee findet sich in der kursächsischen Forstordnung von 1560. Im Kern gab sie vor, dass nicht mehr Holz genutzt werden dürfe, als auf Dauer nachwächst. Der Begriff "Nachhaltigkeit" wurde darin aber noch nicht verwendet. In anderen Regionen wurden vergleichbare Regelungen entwickelt, um die Wälder vor Übernutzung und Verwüstung zu schützen.  1713 prägte der sächsische Berghauptmann Hans Carl von Carlowitz mit seinem Buch „Sylvicultura oeconomica“ den Begriff "Nachhaltigkeit". In seinem Buch fasste er das forstliche Wissen seiner Zeit zusammen, erweiterte es durch eigene Erfahrungen und formulierte erstmalig das Konzept einer nachhaltigen Waldbewirtschaftung. Sein Buch ist ein Meilenstein auf dem Weg zu einer geregelten, nachhaltigen Forstwirtschaft. Es lässt sich mit der Kurzformel „Schutz durch Nutzung“ zusammenfassen. 
Seitdem wurde das Konzept der forstlichen Nachhaltigkeit stetig weiterentwickelt. Ursprünglich war es nur auf die Holznutzung ausgerichtet. Heute umfasst es sämtliche Leistungen und Funktionen des Waldes. 122 Millionen Kubikmeter wachsen jährlich nach. Wälder erfüllen viele Funktionen: Sie tragen zum Artenschutz bei, mindern den Treibhauseffekt, indem sie Kohlendioxid binden, schaffen Arbeitsplätze durch Forstwirtschaft, regulieren den Wasserhaushalt und schützen vor Erosion. Nicht zu vergessen ist der Erholungswert: Studien belegen, dass ein Waldspaziergang den Blutdruck und Stresspegel senkt.
Bäume sind für uns als Menschen schon immer Heimat. Eine Welt ohne Bäume ist für uns nicht vorstellbar. Tiere leben in und von den Bäumen. Uns Mensch geben die Bäume von ihrer Substanz und wir nutzen sie als Brennholz und Baumaterial. Wir suchen sie aber auch für kühlen Schatten und Schutz unter ihrem Blätterdach, halten Rat und Gericht und heirateten unter ihnen, essen von ihren Früchten und nutzen ihre Heilkraft. Sie geben uns die Luft zum Atmen und so waren wir schon immer aufs Tiefste mit Ihnen verbunden.

Aspekte aus Religion und Brauchtum
Die Verehrung von Baumgottheiten ist von indogermanischen Völkern bekannt. Die Baumgottheit war die Verbindung zu den Göttern der Luft und des Lichtes, so zu sagen des Himmels. Ähnliches Gedankengut finden wir auch in Ägypten. In griechischer Zeit wurden die Baumgottheiten - in der Vorstellung einer fortwährenden Lebenserneuerung – mit einem Fruchtbarkeitskult in Verbindung gebracht. Unser Maibaum erinnert noch daran. In der christlichen Religion finden sich ebenso Passagen, die den Baum als etwas Besonderes hervorheben. Moses beschreibt den Garten Eden, hier heißt es:
1. Mose 2, 9
Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.

Als Nachwirkung des Baumkultes gibt es eine Fülle von religiösen und profanen Verwendungen von Baumzweigen, Lorbeerkranz und Eichenlaub.

Der Baum in der Dichtung und der Musik
Bei all den verschiedensten Aspekten wäre es verwunderlich, wenn nicht auch Dichter und Liederschreiber sich mit dem Thema Baum auseinandergesetzt hätten. Denken Sie an die Dichtung von Wilhelm Müller „Am Brunnen vor dem Tore da steht ein Lindenbaum“, und die Vertonung durch Franz Schubert unter dem Namen „Die Winterreise“. Annette von Droste-Hülshoff schrieb die Novelle „Die Judenbuche“. Denken Sie auch an Von Ribbecks „Birnbaum im Garten“. Die Sängerin Alexandra sang 1968 das Lied „Mein Freund der Baum“.
Mit folgenden Zitaten soll die Bedeutung des Baumes weiter hervorgehoben werden.

Martin Luther:
„ Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, pflanzte ich doch noch heute einen Baum.“
Johann Wolfgang von Goethe:
„ Kommt, von allerreifsten Früchten
mit Geschmack und Lust zu speisen!
Über Rosen muss man dichten,
in den Apfel muss man beißen.“

Eugen Roth:
„Zu fällen einen schönen Baum,
braucht’s eine halbe Stunde kaum.
Zu wachsen, bis man ihn bewundert,
braucht er, bedenk es, ein Jahrhundert.“

Der Baum in der Bildenden Kunst Der Baum fungiert gerade im Seelenleben von Künstlerinnen und Künstlern – aber im Grunde von allen Menschen – als ein symbolhafter visueller Code. Aus der Malereigeschichte werde ich vier Bespiele benennen: Der Renaissancemaler Albrecht Altdorfer (1480 – 1538) ist ein Hauptmeister der Donauschule zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Er sieht im Baum nicht nur ein Erscheinungsbild in der Umgebung, sondern ein Element einer alles umgreifenden Natur. Mit dem Bild „Sankt Georg im Wald“ (32 x 28 cm, 1510, Öl auf Pergament) will Altdorfer nicht nur abbilden, sondern uns mit seiner Baum- und Naturdarstellung die Seele erfüllen. Caspar David Friedrich (1774 – 1840) malte 1810 das Bild „Landschaft mit Regenbogen“ (1810, 84 x 59 cm, Öl auf Leinwand). Auf der linken Bildseite steht ein großer Baum, rechts auf einem Hügel ist ein Hirte zu sehen. Dieses sind die einzigen Bildelemente, die über den Horizont in den Himmel ragen. Ein großer Regenbogen überspannt die Szenerie. Das pantheistische Dreieck von Gott, Natur und Mensch kennzeichnet das Bild und hebt somit den Menschen und den Baum als göttliche Schöpfung hervor.
Paul Cézanne sucht über die Phase des Impressionismus hinaus eine neue Bildsprache. Die illusionistische Fernwirkung in den Landschaftsbildern aufgebend, versucht er seinen Motiven eine neue Festigkeit zu geben. Er moduliert in seiner ihm eigenen Farbigkeit z. B. einen Baum um so einen neue Harmonie parallel zur Natur zu schaffen. Das Bild „L’arbre tordue“ zeigt zwei Kiefern, deren Äste besonders viele parallele Lienen und ausgeglichen viele steigende und fallende Diagonalen aufzeigen. Die Reproduktion hat die Repräsentation verdrängt.
Bei Piet Mondrian werden Baumbilder zu Strukturfragen zwischen horizontal und vertikal, zwischen Vielfarbigkeit und Monochromie, zwischen Fläche und Raum. Aus der naturalistischen Abbildhaftigkeit, wie wir sie bei Altdorfer oder Friedrich noch sehen, wird eine Abstraktion zum Thema Baum. In dem Bild „Der graue Baum“ (1911, 79 x 109 cm, Öl auf Leinwand) von 1911 wird aus dem organischen Baum ein auf Grautöne reduziertes Gitterwerk. Er erreicht so sein Ziel einer klar ausgewogenen Komposition.

Ein besonderes Kunstwerk mit der Aktion „5000 Eichen“ schuf Josef Boys mit der Documenta 6 in der Zeit von 1982 bis 1987. Eichenbäume wurden gepflanzt und dazu als Zeichen der Aktion Basaltstelen aufgestellt. Von Kassel aus wurde in vielen Regionen die „Verwaldung“ aufgegriffen und so die Bedeutung des Baumes, des Waldes, der Natur insgesamt herausgestellt.

Zum Schluss Das Interesse am Baum ist auf den verschiedensten Ebenen, sei es ökologischer, ökonomischer oder kultureller Art, sei es skulptural, grafisch oder malerisch, aktueller denn je. Wir sind froh, von der Gruppe `93 hier ein kleines Mosaiksteinchen hinzufügen zu dürfen.

Und so ende ich mit einem afrikanischen Sprichwort:

„Die beste Zeit einen Baum zu pflanzen, war vor 20 Jahren. Die nächstbeste Zeit ist jetzt!“